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Old People Ruin Skateboarding
18 sept. 20264 min de lecture

Alte Leute ruinieren Skateboarding

Skateboarding pflegte, alte Leute anzupissen. Im Großen und Ganzen lieben alte Leute Regeln, und was alte Leute noch mehr lieben als die Regeln selbst, ist diese Regeln durchzusetzen. Skateboarder hingegen lieben es, Regeln zu brechen. Und was sie noch mehr lieben als Regeln zu brechen, ist diejenigen zu abzufucken, die diese Regeln durchsetzen wollen. So sieht dieser perfekte Kreislauf aus: Skater skaten einen Spot, der nicht zum Skateboardfahren freigegeben ist, alte Leute regen sich darüber auf und versuchen, die Skater zu verscheuchen, was wiederum den Skateboardern eine Art stolzen Trotz verleiht, der wiederum das Gefühl der Bestätigung ihrer Rebellion und damit ihres Selbstbildes und damit ihres Daseinsgrundes erzeugt, was wiederum lautstark und wild gestikulierend den alten Leuten kommuniziert wird, was diese alten Leute natürlich nur noch mehr auf die Palme bringt, und so weiter und so fort. Der Kreislauf eskaliert, bis er irgendwann beendet wird, und zwar entweder durch eine dritte Partei (z.B. die Polizei, wenn es wirklich haarig wird), oder durch einen langsamen Prozess der Resignation aufseiten der alten Leute (weil sie müde werden) bzw. aufseiten der Skater (weil niemand sich gerne stundenlang anschreien lässt), oder weil den Skaten die Tricks ausgehen bzw. sie ihre Tricks gemacht und dokumentiert haben und jetzt doch lieber einen Kiffen wollen.

Es ist vielleicht an dieser Stelle angebracht, darauf hinzuweisen, dass Skateboarding naturgemäß laut ist und außerdem schlecht für’s Stadtmobiliar, das beim Skaten zweckentfremdet wird, und dass Skateboarding ferner von größeren Gruppen meistens männlicher Jugendlicher und junger Erwachsener betrieben wird, die nicht immer sozial akzeptables Verhalten an den Tag legen. Wobei das natürlich genau den Reiz ausmacht: die persönliche Entfaltung und Freiheit, die mit der Zweckentfremdung und der wissentlichen Nichtbeachtung irgendwelcher Etiketten einhergeht.

Aber was passiert, wenn Skateboarder selbst in die Jahre kommen und zu alten Säcken werden? Die anekdotische Evidenz legt nahe, dass mit zunehmendem Lebensalter ein gewisser Grad mentaler Verkalkung einhergeht, die es den Betroffenen verunmöglicht, andere Lebensrealitäten als der eigenen anzuerkennen. Nennt es Starrsinn. Ein typisches Beispiel: Gealterte (und eigentlich berentete) professionelle Skateboarder, die es einfach nicht gut sein lassen können und sich immer wieder ins Rampenlicht drängen. Diese auch “Legenden” genannten gerontischen Skater labern unter anderem in Podcasts, bewerben dubiose Investmentstrategien, werden Verschwörungstheoretiker, entdecken Jesus und die frohe Botschaft, verprügeln ihre Ehefrauen, schwören ihren Süchten ab und labern darüber in o.g. Podcasts in dieser seltsam eifernden Art, die beim Zuhörer Unwohlsein und Zweifel über die Ehrlichkeit der Entsagung erzeugen, werden Rapper, steigen hinab in die Kloake, die sich Manosphere nennt, und machen sich generell in der ein oder anderen Form zum Affen.

Was sie aber nicht mehr tun, ist alte Leute abzufucken. Im Gegenteil: Sie werden zu den alten Leuten, die alle anderen abfucken, außer natürlich den alten Leuten, die nichts mit Skateboarding zu tun haben.

All das könnte man schulterzuckend ignorieren. Wen juckt schon, was alte Leute denken? Man kann immer noch skaten gehen und Spaß haben und sich nicht die Olympischen Spiele oder andere von Energy Drinks oder Autoherstellern gesponserte, ultra-kommerzialisierte und irgendwie eklige Contests ansehen. Man muss keiner “Legende” beim Schwafeln in irgendwelchen Podcasts zuhören. Man muss keine der komischen Produkte kaufen, die diese “Legenden” so strebsam bewerben.

Das wahre Problem ist nicht, dass Menschen, oder Skater, oder “Legenden” alt werden.  Wir sind auch alt und ahnen, dass uns das Schreiben dieser Zeilen wie eine merkwürdige Kombination aus Berufsjugendlichen und dozierenden alten Männern erscheinen lässt — die gleichen alten Männer also, die wir hier kritisieren (es sei an dieser Stelle auf die Abwesenheit von Frauen hingewiesen, die einem zusätzlich zu denken geben sollte). Obwohl also durchaus der Eindruck entstehen kann, dass hier der Esel den anderen Langohr schimpft, scheint das wahre Problem zu sein, dass viele dieser “Legenden” ihren Legendenstatus und ihren Einfluss nutzen, um in der Skateboardindustrie zu bestimmen, wo’s langgeht.  Die “Legenden” bewerben Skateboarding als ein Subset der Jugendkultur, aber nicht um Skateboarding selbst willen, sondern um Produkte zu vermarkten, die nichts mit Skateboarding zu tun haben: Energy Drinks, Investment-Strategien, Schmuck, und was zum Geier sonst noch. Es interessiert sie alles außer Skateboarding. Das Geld, das durch diesen ganzen Klumpatsch verdient wird, fließt nicht wieder ins Skateboarding, sondern in merkwürdige Brands oder Assets. Das Ganze hat nichts mit Jugendkultur zu tun. Es ist kulturelle Ausbeutung.

Was die ganze Misere noch schlimmer macht ist, dass die “Legenden” naturgemäß sehr gut im Skateboardgeschäft vernetzt sind und insbesondere bei den großen Unternehmen einen exzellenten Ruf genießen, gerade weil sie “Legenden” sind, und diese Unternehmen, weil sie mit den “Legenden” sehr viel Geld verdienen, brav auf sie hören. Das bedeutet am Ende, dass Skateboarding konzernartiger, glatter, langweiliger und weniger cool wird. Die “Legenden” haben früher mal die Regeln gebrochen — heute geben sie die Regeln vor.

Die Marktmaschine ankurbelnd, saugen die “Legenden” die rohe, rebellische Energie, die Skateboarding so authentisch macht, und hinterlassen eine seelenlose, olympifizierte Hülle. Authentizität kann per definitionem nicht künstlich generiert, produziert und vermarktet werden. Authentizität muss in sich und für sich sein.

Gleichzeitig blockiert die Marktdominanz der großen Unternehmen, flankiert von der “Authentizität” der “Legenden”, den Marktzugriff von neuen, disruptiven Brands. Nicht, dass es davon eine besonders große Anzahl gäbe: Es scheint fast so, als würde über Skateboarding eine große Decke von Lethargie und Selbstgefälligkeit liegen. Blind Skateboards hat seinerzeit gegen die Powell-Peralta-Ära des frühen Skateboardings rebelliert. Die Deck-Grafiken von Blind gehörten damals (und noch heute) zu den kontroversesten Illustrationen, die Skateboarding hervorgebracht hat. Leider gibt es heute kaum Marken, die sich trauen und ebenso aggressiv und disruptiv ihren Claim zu stecken versuchen. Niemand traut sich, die Regeln zu brechen. Die “Legenden” haben früher zwar mal die Regeln gebrochen — heute geben sie die Regeln vor.

Diese ganze Abhandlung ist eigentlich nur eine langatmige Art zu bedauern, dass Skateboarding mal alte Leute abgefuckt hat — und jetzt von alten Leuten abgefuckt wird.

Text von Joseph Möller
Illustrationen von Sebastian Fuchs

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