Wir sind doch hier nicht beim Lesezirkel deiner Mutter
Skateboarding ist eine von Natur aus schmerzhafte Betätigung, die ein fast schon absurdes Maß an Scheitern und Durchhaltevermögen erfordert, um auch nur eine grundlegende Kompetenz zu erreichen. Jeder Skateboarder erinnert sich an das erste Mal, als er auf dem Tail seines Boards oben auf einer Quarterpipe stand, die sich ein bisschen zu hoch und ein bisschen zu steil anfühlte – und sich bei dem Gedanken, sich da jetzt reinzustürzen, absolut in die Hosen geschissen hat. Die Angst ist berechtigt: Die ersten Drop-ins enden meistens mit geprellten Steißbeinen und tiefroten Blutergüssen in der Arschregion. Und da reden wir noch nicht einmal von Fliptricks oder dem Grinden von Rails, also von fortgeschrittenen Fähigkeiten, die einem ernsthaft die Schienbeine ruinieren oder die Familienplanung vorzeitig beenden können. Wer also Skateboard fahren lernen will, wird von einem Stück Holz mit vier Rollen mit Karacho in den bemitleidenswerten Hintern getreten. Skateboarding kann elendig sein, sowohl physisch als auch emotional – selbst für Leute, die auf professionellem Niveau fahren.
Jeder Skater kennt das Leiden, das mit Skateboarding einhergeht. Dieses Leiden schafft eine Bindung, und aus dieser Bindung entsteht eine Gemeinschaft. Geteilter Schmerz, geteilte Leidensgeschichten. Es ist egal, woher man kommt, solange man den gleichen schmerzhaften Weg auf sich genommen hat, um dabei zu sein. Teil von dieser Gemeinschaft kann werden, wer die Von-einem-Stück-Holz-in-den-Arsch-getreten-werden-Phase durchgemacht hat. Es gibt keine Abkürzung. Es ist eigentlich ganz simpel: Wenn dein Hintern nicht die Farbe von Powerade Grape hat und deine Schienbeine deine Lehrer nicht darüber nachdenken lassen, ob sie das Jugendamt anrufen sollen, dann hast du im Skateboarding absolut nichts verloren, und Skateboarder haben jedes Recht, dich aus ihrer Subkultur auszuschließen.
Leute abzuweisen, die nicht dazugehören, nennt man Gatekeeping. Meistens wird dieses Wort in einem anklagenden Tonfall verwendet. Es schwingt immer der Vorwurf der Diskriminierung mit; es teilt die Welt in „Wir“ und „die anderen“. Gatekeeping ist kein freundliches Wort. Wäre es nicht toll, wenn wir alle nett und freundlich zueinander wären? Können wir nicht einfach jede und jeden Teil unserer Skate-Community sein lassen? Sorry, Leute, aber nein.
Es stimmt zwar: Gatekeeping kann diskriminierend sein. Nämlich dann, wenn es willkürliche Regeln aufstellt, um anderen den Zugang zu Ressourcen und Chancen abzuschneiden, nur damit die Gatekeeper die Kontrolle behalten.Ein klassisches Beispiel: Der Ausschluss von Frauen aus Vorständen. In Deutschland sitzen mehr Männer namens Thomas in Vorständen als Frauen insgesamt. Hier ist es eine Frage der Macht: Wenn diejenigen, die Gatekeeping betreiben, ohnehin schon alle Macht und Privilegien besitzen und bereits Teil der Mehrheit sind, wird Gatekeeping diskriminierend und führt zu einer unfairen Verteilung von Chancen. Wenn man nicht Thomas heißt oder mindestens ein Mann ist, wird man in Deutschland eben nicht so schnell zum Vorstand.
Aber Skateboarding ist kein Sport, der eine Mehrheit hat. Manche behaupten sogar, es sei überhaupt kein Sport (obwohl das Ansichtssache bleibt). Skateboarding mag zwar eine anstrengende körperliche Betätigung sein, aber das gilt auch dafür, sich kopfüber einen runterzuholen. Vielmehr wird Skateboarding von seinen Communities und lokalen Subkulturen geprägt, die immer nur winzige Bruchteile der Gesamtbevölkerung ausmachen. Skaten ist eben nicht annähernd so populär wie Fußball oder Basketball. Es gibt keinen Dachverband, der vorschreibt, was Skateboarding ist und was nicht. Es gibt keinen offiziellen Sprecher, der für das Skaten spricht. Und das ist auch eine gute Sache: Skateboarding kann alles sein, was du willst. Leider ist dieser Mangel an Struktur und institutionellem Zusammenhalt auch die Achillesferse des Skateboardings. Genau deshalb kann es von außen so leicht ausgenutzt und auf der Jagd nach Coolness und Authentizität ausgeschlachtet werden. Deshalb kann es von Großkonzernen nach Strich und Faden vermarktet werden, ohne dass jemand Offizielles einschreitet und den Konzernen sagt, dass sie sich verpissen sollen. Und genau deshalb kann jemand, der sich bei einem verunglückten Kickflip noch nie das Kreuzband gerissen hat, einfach hereinspazieren, mit Geldscheinen wedeln und sich ins Skateboarding einkaufen. Es sei denn, Skateboarder tun etwas dagegen.
Vor diesem Hintergrund klingt Gatekeeping gar nicht mehr so schlimm, oder? Skate-Communities wollen nicht zwangsläufig wahllos Individuen ausschließen – obwohl es in manchen Fällen absolut legitim ist, bestimmte Leute vor der Tür stehen zu lassen. Die Poser, zum Beispiel: Manche Leute spüren, dass Skateboarding ein cooler Sport ist und dass Skater eine Aura der Rebellion und Nonkonformität umgibt. Aber Poser kapieren nicht wirklich, warum das so ist. Sie wissen nur: Wenn sie als cool, rebellisch oder irgendwie anders wahrgenommen werden wollen, kann ihnen Skateboarding genau diese Aura verleihen. Andere wiederum sind eher Sportler als Skateboarder. Und obwohl sie skaten können (in manchen Fällen sogar verdammt gut), repräsentieren sie nicht die gesamte Skate-Kultur, sondern eine geschliffene, vermarktungskompatible Version davon. Das Problem bei beiden Beispielen ist nicht, dass sie Skateboard fahren – das Problem ist, dass sie in den meisten Fällen versuchen, das Skateboarding zu beeinflussen. Und wenn sie nur mächtig genug sind und von großen Sportartikelherstellern unterstützt werden, haben sie damit sogar Erfolg.
Deshalb betreiben Skate-Communities, die erfolgreich gatekeepen, dies in erster Linie, weil sie die Kultur „real“ halten wollen. Skateboarding ist eine wilde Mischung aus verschiedenen Sub-Subkulturen und Stilen und eben kein glattgebügeltes, sterilisiertes Produkt, auf das man einfach ein Preisschild pappen kann. Es ist halt nicht HYROX. Gatekeeping ist buchstäblich das, was Skateboarding davor bewahrt, eine offizielle Institution zu werden und am Ende langweiliger zu sein als der Lesezirkel deiner Mutter. Gatekeeping fungiert als Filter, der die Communities eng zusammenhält. Wie bei einem exklusiven Nachtclub kann nicht einfach jeder reinspazieren. Man muss erst beweisen, dass man dazugehört.
Natürlich darf man es mit dem Gatekeeping auch nicht übertreiben. Deine Subkultur – ob Skateboarding oder etwas anderes – muss halbdurchlässig sein, damit neue Einflüsse hereinströmen können. Ohne Einflüsse von außen und ohne neues Blut herrscht Stillstand (und das ist übrigens genau das Thema, über das wir bereits in einem anderen Beitrag auf dieser Website gesprochen haben). Manchmal muss man eben das Fenster aufmachen, um frische Luft hereinzulassen.
Man könnte aber durchaus argumentieren, dass Skateboarding in letzter Zeit vielleicht sogar ein bisschen mehr Gatekeeping vertragen könnte. Also, warum fängst du heute nicht damit an?
Text von Joseph Möller
Illustrationen von Sebastian Fuchs


